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Masernschutzgesetz geht an Problemen vorbei

Herr Spahn hat die Impfpflicht gegen Masern eingeführt. Schul- und Kindergartenkinder sollen wirksam vor Masern geschützt werden. Das ist das Ziel des Masernschutzgesetzes, das am 17. Juli 2019 im Kabinett beschlossen wurde. Die überwiegende Mehrheit der Eltern (72Prozent befürwortet dies, ergab eine Umfrage. Meine Partei, die FDP, unterstützte diese Gesetzes-Initiative. Ich sehe das etwas differenzierter. Bei den aktuell veröffentlichten Schuleingangsuntersuchungen des Jahres 2017 waren 97,1 Prozent der Kinder mindestens einmal und 92,8 Prozent zweimal gegen Masern geimpft. Im Jahr 2018 gab es 542 Masern Fälle, von denen die Hälfte ungeimpfte Erwachsene betrafen. Das mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vereinbarte Ziel, die Krankheit bis 2015 zu eliminieren wurde deshalb nicht erreicht, weil dafür mindestens 95 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft sein müssten. In einigen wenigen Regionen Deutschlands sind nur 67 Prozent der Bevölkerung 2 x geimpft.

In Niedersachsen wird allerdings die Quote von immerhin 94 Prozent erreicht. (RKI 2019) In Deutschland sind in den Jahren 2009 bis 2018 knapp 10 000 Masernfälle gemeldet worden. In Niedersachsen waren es in selben Zeitraum 283 Fälle, davon über die Hälfte Erwachsene. (Quelle Landesgesundheitsamt). Die Impfpflicht würde also in der Mehrzahl die ungeimpften Erwachsenen treffen. Erzieher, Lehrer, Gesundheitspersonal, Sozialarbeiter, Medizinische Fachangestellte, Tagesmütter, alle haben ab Ende der Sommerferien ihren Impfstatus nachzuweisenden und müssen sich ggf. nachimpfen lassen. Bei den Kindern sind die Gründe für den ungenügenden Impfstatus eher darin zu suchen, dass Impfungen bei kranken Kindern verschoben und später nicht mehr für wichtig gehalten werden, bei Patchworkfamilien die Zuständigkeiten wechseln oder die Impfreaktion war beim ersten Mal so heftig, dass die Eltern Angst vor der Wiederholung hatten. Oder der Impftermin ist ganz einfach im allgemeinen Familien-Alltagsstress untergegangen. Selbstverständlich gibt es die Gruppe der beratungsresistenten, unbelehrbaren, ideologisch, weltanschaulich geprägten Eltern. In all diesen Fällen wäre es sinnvoll, die Betroffenen anhand eines nationalen Impfregisters gezielt anzusprechen und spätestens bei der Schuleingangsuntersuchung die versäumte Impfung anzubieten, so wie es die WHO schon lange fordert.

Die Instrumente der öffentlichen Gesundheitsvorsorge zusammen mit einer engagierten kinderärztlichen Betreuung sind meiner Meinung nach lange nicht ausgeschöpft. Wenn Impfverweigerer in die Illegalität getrieben werden, entstehen versteckte Gruppen mit unzureichender Immunität, die dann die Quelle für Masernepidemien sein könnten. Bemerkenswerterweise sind deren Zahlen unbekannt. Denn die Daten werden nur unvollständig erfasst, obwohl Masern lt. Infektionsschutzgesetz zu den meldepflichtigen Erkrankungen gehört. Eine wirksame Bekämpfung der Masern erfordert die vollständige Dokumentation aller Ausbrüche, ein nationales Impfregister, Angebote zur Nachimpfung beim Eintritt in die Kitas und Grundschulen sowie gezielte Impfkampagnen für Migranten aus Maserngebieten und andere Problemgruppen. Auch durch eine Verbesserung des Ausbruchsmanagements und der Hygiene (Elternschulungen) könnten viele Menschen vor der Infektion bewahrt werden. Diese Mängel im Gesundheitssystem sind lange bekannt und wurden auch von der WHO bereits angemahnt.

Minister Spahns Gesetz geht an den wirklichen Problemen vorbei. Denn diese sind in den kommunalen Gesundheitsstrukturen zu suchen, hier ist noch viel Luft nach oben. Detailliertere Informationen für Eltern verbunden mit einer individuellen Zusammenstellung des Impfplans für das Kind durch die Kinderärzte wäre zielführend. Eltern sollten sich gut überlegen, ob jemand in der Familie in der Lage ist, das an Masern erkrankte Kind zwei Wochen fachgerecht rund um die Uhr zu pflegen. Denn bei mangelnder Pflege steigt die Gefahr von ernsthaften Komplikationen und Folgeschäden. Diese Entscheidung der Fürsorge für ihr Kind sollte den Eltern niemand abnehmen.

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