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Fridays for Future und die Glaubwürdigkeit

Seit Wochen protestieren Schüler in Deutschlands regelmäßig für den Schutz des Klimas. Das ist ehrenwert, weil es politisches Engagement gerade derjenigen Generation bedeutet, der häufig vorgeworfen wird, zu wenig politisch zu sein.

Glaubwürdigkeit ist die einzige Währung in Politik und Gesellschaft. So wenig katholische Geistliche glaubwürdig sind, die das Zölibat fordern und sich selber an Kindern vergreifen, kann derjenige als glaubwürdig gelten, der etwa gegen Reichtum wettert und selber Rolls Royce fährt. Wenn Politiker Flugreisen für Normalverdiener drastisch verteuern oder gar verbieten wollen, gleichzeitig aber Cem Özdemir von der Urlaubsreise aus den südamerikanischen Anden oder seine bayerische Kollegin Katharina Schulze mit dem selben Reisezweck aus Kalifornien ihre Reiseeindrücke in sozialen Medien postet, postuliert dies geradezu die eigene mangelnde Glaubwürdigkeit.

Für die Teilnehmer der “Fridaysforfuture”-Demonstrationen stellt sich allerdings die gleiche Frage, wenn am Freitag Vormittag noch “für das Klima” auf die Straße gegangen wurde, um über Ostern nur zwei Wochen später in den Skiurlaub zu entfliegen und die Aufrufe zu Demonstrationen in den Ferien nur einen Bruchteil der “Aktivisten” auf die Straße bringen als außerhalb der Ferien; oder wenn für “Verzicht” und eine andere Gesellschaftsordnung demonstriert wird, nachdem man sich von den Eltern mit dem SUV zur Demo hat bringen lassen, per Handy mit anderen Teilnehmern den Treffpunkt abgestimmt hat oder zu Mittag das demonstrieren hat demonstrieren sein lassen, um sich in einem amerikanischen fast-food-Restaurant für das Wochenende zu stärken.

Politiker und Kirchenvertreter sehen in einzelnen Protagonisten dieser Bewegung gar “Propheten”, vergleichen die Aufmärsche mit Jesus Einzug in Jerusalem, mit Bürgerrechtsbewegungen in den USA oder den Montagsdemonstrationen, die das DDR-Regime zum Einsturz gebracht haben. Die Anbiederung einiger Abgeordneten-Kollegen mit der Witterung potentieller neuer Wähler oder Parteimitglieder in der Nase führt da bei mir unweigerlich zu einem Fremdschäm-Gefühl! Denn was ist das auch für ein Quatsch: Anders als Martin Luther King oder Bärbel Bohley muss es glücklicherweise keiner der heutigen Demonstranten fürchten, von Staatsorganen niedergeknüppelt, ohne Prozess ins Gefängnis geworfen oder gar erschossen zu werden. Stattdessen fordern viele Eltern, dass die Ordnungswidrigkeit, die durch das Schwänzen der Schule an einem Vormittag entsteht, ihren Schützlingen doch bitteschön erlassen werden möge.

Es ist wohl ein Novum in der Geschichte von Demonstrationen, den Regelbruch als Instrument einzusetzen, um dem eigenen Ziel mehr Gewicht zu verleihen, ohne aber Verantwortung für die Konsequenzen - die Ordnungswidrigkeit des Schule Schwänzens - tragen zu wollen. Leider spiegelt genau dies aber auch das Selbstverständnis vieler Teilnehmer dieser Demonstrationen wider: zu demonstrieren, aber nicht selber zu haften, von anderen Verzicht verlangen, ihn aber selber nicht zu üben.

Die deutsche Geschichte ist gespickt mit Persönlichkeiten, die Veränderungen wollten und bereit gewesen sind, hierfür auch persönlichen Einsatz zu bringen - teilweise haben sie für ihre Überzeugung sogar ihr Leben gelassen: die Montagsdemonstranten in der DDR, Rudi Dutschke, die Geschwister Scholl und Claus Schenk Graf zu Stauffenberg oder Martin Luther. Niemand sollte bei einer Demonstration in Deutschland oder der Welt jemals wieder sein Leben riskieren müssen. Jeder einzelnen dieser historischen Persönlichkeiten darf man aufgrund ihres persönlichen Einsatzes allerdings durchaus Glaubwürdigkeit unterstellen. Jugendliche, die während der Schulzeit und außerhalb der Ferien demonstrieren, deren eigenes Konsumverhalten sie bei anderen kritisieren würden, die sich vor Sanktionen drücken und die ihr Verhalten nicht an dem orientieren, was sie von anderen verlangen, haben hingegen genau hiermit ein Problem - mit der eigenen Glaubwürdigkeit!

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